„Ein Auto für Doofe…“

Goliath Pionier von Weinert Modellbau

Garantiert steuerfrei und ohne Führerschein - der Goliath Pionier von Weinert

Auch wenn dieser Satz eines Testers der „Automobiltechnischen Zeitung“ Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts ein wenig unverschämt anmutet, so war der Dreirad-Personenwagen, der Goliath Pionier, aufgrund seiner technischen Eckdaten ohne einen Führerschein zu führen und damit der simple Einstieg in den automobilen Verkehr für jedermann.  Da es von diesen wegweisenden Gefährten, die ebenfalls aus der Feder des Bremer Fabrikanten Carl F.W. Borgward stammen, kaum noch Exemplare gibt, ist es um so erfreulicher, dass der Kleinserienhersteller Weinert Modellbau diesen Wagen im Modell nachgebildet hat. Dieser Beitrag stellt diesen neuen Bausatz vor.

Nach den Goliath-Dreirad-Lieferwagen wollte Carl F.W. Borgward seinen Erfolg auch auf die Personenbeförderung ausweiten. So konstruierte er einen Dreiradpersonenwagen der es jedermann erlauben sollte in den automobilen Verkehr einzusteigen. Nach kurzer Konstruktionszeit stellte er 1931 auf der Automobilausstellung in Berlin seinen ersten Personenwagen, den Goliath E 200 Pionier, vor. Mit einem Verkaufspreis von nur 1.460,00 Reichmark erhielt man ein durchaus geräumiges Fahrzeug, welches in vielen Eigenschaften einem vollwertigen Automobil in nichts nachstand. Das Dreirad war mit einem 200-ccm-Ilo-Motor, der 5,5 PS leistete, ausgerüstet. Dieser Motor beschleunigte das Gefährt auf stattliche 50 km/h und erlaubte durch seinen geringen Hubraum (198 ccm) jedem, das Fahrzeug zu führen, da Fahrzeug unter 200 ccm  ohne einen Führerschein bewegt werden durften. Zudem hatte Borgward das Fahrzeug so konstruiert, dass es unter 350 kg lag und damit steuerfrei blieb. Dies erreichte er durch eine leichte Holzkarosse, die zum Schutz mit genarbtem Kunstleder überzogen war. Alle Bedienungselemente glichen denen eines „großen“ Automobils. So verfügte es nicht nur über eine normale Kugelschaltung mit drei Vorwärts- und dem einen Rückwärtsgang, sondern auch über einen elektrischen Starter und die notwendigen Scheinwerfer. Ein Scheibenwischer, der jedoch nur von Hand zu betätigen war, gehörte auch zum Leistungsumfang. Als Sonderausstattung erhielt man gegen einen Aufpreis von 45,00 Reichmark einen Tachometer. Darüber hinaus waren auch ein Ersatzrad mit Abdeckhaube und einen so genannten Schwiegermuttersitz, die beide hinter der Fahrerkabine angeordnet waren, als Zusatz erhältlich. Mit einem kleinen Tankinhalt von nur 10 Litern umging Borgward auch die seinerzeit geltende Garagenverordnung, die jedes Fahrzeug mit einem größeren Tankvolumen in eine Garage verbannte.

Der Komplettbausatz besteht aus Weißmetall- und Messing-Gussteilen. Dazu findet man in der üblichen Weinert-Schachtel noch eine Neusilber-Ätzplatine, einen Gussbaum mit den Kunststoff-Fenstereinsätzen und ein Nassschiebebilderbogen mit dem Schriftzug „Goliath“

Der Goliath Pionier war kein Riese, aber für eine Spritztour in die Natur oder den täglichen Weg zur Arbeit genau das richtige und völlig ausreichend.

All diese geschickt ausgenutzten gesetzlichen Vorschriften die dazu führten, dass das Fahrzeug ohne einen Führerschein zu führen war, dass es steuerfrei war und zudem keine Garage erforderte, wurden seiner Zeit in der Werbung für dieses neue Fahrzeug vorangestellt. Durch diese positiven Eigenschaften ließen sich auch die Betriebskosten weitestgehend herunterschrauben und ermöglichten so einer breiten Masse die „neue“ Mobilität. Der Erfolg lies so auch nicht lange auf sich warten und so konnte man schnell mit dem Werbeslogan „tausendfach bewährt“ neue Käufer überzeugen.

Nachdem die drei Hauptbauteile der Karosserie und die beiden Teile der Bodengruppe zusammengefügt und verklebt sind, werden die Bohrungen laut der Baubeschreibung für die zahlreichen Anbauteile erstellt.

Das Ersatzrad mit Verkleidung war ebenso, wie der sich unter einer Klappe hinter der Fahrerkabine befindliche „Schwiegermuttersitz“, ein Sonderzubehör.

Für die farbliche Gestaltung wird nach der Reinigung und Grundierung mit Haftgrund „moosgrün“ von Weinert aufgetragen. Die Reifen setzt man mit mattem Anthrazit von den schwarz lackierten Felgen ab, während an den grün lackierten Scheinwerfern zuerst die Reflektoren weiß und dann der äußere Ring silbern markiert werden.

Das Weinert-Modell

Wie bei allen Modellen von Weinert Modellbau (www.weinert-modellbau.de) hat man sich auch dieses mal am Vorbild orientiert – hier jedoch im doppelten Sinne. So ließ man dem „Goliath Rapid“ in geschlossener und offener Version (11/2009 + 8/2010) nun auch das Personendreirad „Goliath Pionier“ folgen. Unter der Artikelnummer 4593 erhält man für 15,40 Euro im gut sortierten Fachhandel einen Komplettbausatz dieses interessanten Gefährts.

In gewohnter Präzision konstruierte Rolf Weinert das außergewöhnliche Fahrzeug aus Weißmetall, welches durch  Messinggussteile zugerüstet wird. Und einmal mehr durch besondere Passgenauigkeit besticht. In der bekannten blauen Pappschachtel findet man neben den besagten Bauteilen eine Bauanleitung, die man vor den Bastelfreuden einmal ausführlich studiert haben sollte. Zuerst werden die einzelnen Bauteile entnommen und versäubert. Mit einer Feile und einem Skalpell entfernt man die Angüsse und die Gussnähte. Dann wird zuerst die Karosserie, die aus den beiden Seitenteilen und der hinteren Motorabdeckung besteht, mit Sekundenkleber zusammengefügt. Gleiches gilt für die Bodenplatte, die nur mit der Sitzbank komplettiert wird. Nun sind die Bohrungen für die Zurüstteile an der Reihe. Dabei sollte man sich vorher Gedanken machen, welche Teile man ansetzen möchte. In der ersten Version, hatte der Pionier nur einen Scheibenwischer und keine Hupe. Ebenso konnte man den rückwärtigen Verkehr nicht beobachten, da das Fahrzeug keine Spiegel besaß. Im vorliegenden Fall entschied man sich dafür das Fahrzeug mit einem Scheibenwischer, ohne Horn, aber mit zwei (!) Spiegeln auszustatten. Ebenso sollte sich der Fahrzeugbesitzer beim Kauf auch für die Aufrüstung mit einem Ersatzrad entschieden haben. Die Bohrung für den Tankverschluss auf der vorderen Haube muss etwas größer ( 1,0 mm) ausfallen, da der Tankverschluss beim Vorbild nahezu vollständig versenkt war.

Damit die Zierstreifen silbern schimmern, schabt man sie vorsichtig mit einem Skalpell bis auf das Weißmetall frei.

Bei diesem Modell wurde auf das Horn verzichtet, da es etwas voluminös wirkt. Die Spiegel sind ein anmontiertes Zubehör aus späteren Zeiten.

Nun sind die Fahrzeugteile und die Zurüstteile erst zu reinigen, dann zu grundieren (Weinert 2698) und schließlich farblich zu behandeln. Für die Karosse mit Ersatzrad und Scheinwerfern wählte man flaschengrün (RAL 6007 / 2627). Die Bodengruppe, ebenso wie die Räder, erhalten eine schwarze Lackierung. Danach werden das Sitzpolster lederfarben und die Reifen in Anthrazit abgesetzt. Die Reflektionen sind weiß auszulegen, um dann die äußeren Ringe Silbern zu markieren. Ebenfalls einen silbernen Anstrich erhalten die Türklinken, der Tankverschluss, die Außenseiten der Rückleuchten und, wenn gewünscht, das Signalhorn. Der Fahrzeuginnenraum erhielt mit einem Pinsel einen dunkelgrauen Anstrich. Die an der Karosserie und am Dach befindlichen Zierstreifen, werden mit einem Skalpell frei geschabt, da sie erhöht abgesetzt sind.

Die nicht ganz ebene Oberfläche des Weißmetalls erinnert an den genarbten Kunstlederüberzug der Holzkarosserie des Originals.

Nach einer ausreichenden Trocknungszeit werden die Baugruppen zusammengesetzt. Dabei sind erst die Karosserie und die Bodengruppe an der Reihe. Dann folgen die Anbauteile und Räder. Vor der Dachmontage sind die Fensterscheiben einzukleben und sparsam mit Sekundenkleber festzusetzen. Zuletzt ist auf der schmalen Front noch das Nassschiebebild „Goliath“ aufzubringen. Nummernschilder der frühen Epoche III (1945-1956) erhält man bei TL-Decals (www.tl-decals.com) unter der Artikelnummer 2330 für 7,00 Euro, zuzüglich den Versandkosten. Damit sind die Arbeiten abgeschlossen.

Bei der Produktionszeit von 1931 bis  1934 war die Hauptverbreitungszeit vor dem zweiten Weltkrieg. Sicherlich werden auch noch einige Fahrzeug bis tief in die Fünfziger Jahre ihre Dienste verrichtet haben, dass man auch in der von Modellbahnern favorisierten Epoche III noch das ein oder andere Fahrzeug entdecken konnte. Der Goliath Pionier ist kein alltägliches Gefährt, aber bestimmt ein Hingucker…

 

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